ArtJunk
No. 29—2024

Bürgerliches Trauerspiel

Wieland Schönfelder

Info: »Es ist der Abend der Premiere und der Theatersaal ist schon beinahe komplett gefüllt. Gegeben wird: »Die goldene Katze«, ein Stück, dass im Jahre 1768 das erste mal auf die Bühne kam und der Gattung des bürgerlichen Trauerspiels zugerechnet wird. Der Regisseur hat sich nach einer anstrengenden Probezeit und einer komplett misslungenen Generalprobe in die Kantine zurückgezogen und wird sich die Premiere selbst nicht ansehen, sondern stattdessen, bis der Vorhang fällt, eine Flasche Weißwein getrunken haben. Es liegt nun in der Hand der Schauspieler. Überhaupt ist er mit Allem ganz unzufrieden. Eigentlich sollte das Stück in einem Schloss spielen, doch die Bühnenbildnerin und der Dramaturg haben sich durchsetzen können und das Schauspiel ins »freie« verlegt. Jetzt steht auf der Bühne ein riesiger knorriger Baum, ein Rad, ein Sack Korn und noch einiges mehr. Symbole. Genau erinnern will er sich nicht. Zumindest die Kostüme sind weitgehend historisch Korrekt. Irgendwie gefällt es ihm so, und er ist dem Kostümbildner beinahe dankbar, dass es diesem komplett an Vision und individuellem Gestaltungswillen zu fehlen schien. Es wäre ein Fehler gewesen, so hat man es ihm weismachen wollen, so nah am Originaltext zu bleiben und den tragischen Konflikt zwischen Adel und Bürgertum nicht etwas aus heutiger Perspektive zu kommentieren. Aber was hätte das schon sein sollen? (…)« – Wieland Schönfelder

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